Überschulden ...reden.jpg

Bericht zum Fachtag des PNFK 2019 in Berlin

Unter dem Titel „Finanzielle Bildung tut not! Aber wer soll sie anbieten und wie soll das geschehen? lud das Präventionsnetzwerk Finanzkompetenz zu einem Fachtag mit bundesweiter Beteiligung ein. Dabei wurden die verschiedenen Sichtweisen auf finanzielle Bildung, die Interessenlagen von Individuum, Gesellschaft und Privatwirtschaft, die diversen Anbieter und Anbieterinnen sowie die besonderen Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen diskutiert.

Marius Stark, Vorsitzender des Präventionsnetzwerks Finanzkompetenz e. V., bei der Eröffnung des Fachtages

 

Zunächst zeigte Frau Prof. Dr. Birgit Weber (Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt ökonomische Bildung – Uni Köln), dass je nach Schulform unterschiedliche Schwerpunkte bei der finanziellen Bildung im Unterricht gesetzt werden. Während sich also die Schüler und Schülerinnen der Haupt- und Realschulen mit Schuldenvermeidung beschäftigen, spielt an den Gymnasien eher der verantwortungsvolle nachhaltige Konsum eine Rolle. Die unterschiedlichen zu erwartenden Einkommen werden also im Unterricht berücksichtigt.

Insbesondere das Fach Wirtschaft-Recht-Technik bietet laut Lehrplan eine Vielzahl an Anknüpfungspunkten für finanzielle Bildung, allerdings kann nur ein geringer Teil der wöchentlich zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden hierfür verwendet werden. Oft wird fachfremd unterrichtet und in der Ausbildung der Lehrkräfte nicht das Handwerkszeug zur Interpretation der Lehrpläne geschweige denn zur fächerübergreifenden Lehre vermittelt.

 

Auch die Zusammenfassung von Dr. Dieter Korczak zur finanziellen Bildung in Deutschland und im Ländervergleich ist dabei ernüchternd. Wieder einmal ist es das föderale System, dass einer „Nationalen Strategie für finanzielle Bildung“, wie sie bereits andere Länder (Spanien, USA, Ghana, China u.a.) verabschiedet haben, zuwiderläuft. Und so bleiben die vielen Angebote im Bereich der finanziellen Bildung unkoordiniert und qualitativ fragwürdig.

 

Dass nicht immer die finanzielle Bildung der einzelnen Person im Vordergrund steht, zeigte Prof. Dr. Harmut Walz von der Hochschule Ludwigshafen. Mit viel Humor vermittelte er seine Erfahrungen mit Finanzdienstleistungsgesellschaften, die insbesondere an Hochschulen um sogenannte LeOs (Leicht erreichbare Opfer) werben und ohne nennenswerten Nutzen für die Kunden und Kundinnen Produkte mit satten Provisionen verkaufen, gerne auch via Seminar zum Thema Bewerbungstraining.

 

Dr. Vera Fricke von der Verbraucherzentrale Bundesverband konnte zum einen darauf hinweisen, dass der Materialkompass der Verbraucherzentrale eine weitere Förderung erhielt und dadurch wieder Präventionsmethoden bewerten und einstellen kann. Zum anderen verdeutlichte sie auch noch einmal, wie wichtig Material und dessen Einsatz für finanzielle Bildung sind. Nicht zuletzt, weil die Schülerinnen und Schüler auf der Bundesschülerkonferenz klarstellten, mehr auf Fragen des Alltags (Versicherung, Miete, Altersvorsorge) vorbereitet werden zu wollen.

 

Zur Zielgruppe der alleinerziehenden Frauen stellte Frau Prof. Dr. Ingrid Größl Ergebnisse einer aktuellen Studie zu deren Situation vor. Diese Gruppe ist mit den folgenden Problemen konfrontiert: häufig niedriger Bildungsstand und SGBII-Bezug, Verzicht auf umständliche Sicherung des Kindesunterhalts, mangelnde Kinderbetreuungsangebote in Verbindung mit ungünstigen Arbeitsbedingungen sowie ein Mangel an Angeboten für finanzielle Bildung. Erschwerend kommt, dass ein Besuch von entsprechenden Veranstaltungen wegen der Kinderbetreuung oft nicht möglich ist, selbst wenn Nähe, Stigmafreiheit und Vertrauen hergestellt werden konnten.

 

Zum Schluss zeigten Dr. Sally Peters und Dr. Katharina Witterhold die finanziellen Kompetenzen Geflüchteter auf. Während in einigen Herkunftsländern kaum Strukturen finanzieller Dienstleistungen (Banken, Versicherungen) existieren oder feste Preise vorherrschen, wird anderswo kaum noch mit Bargeld bezahlt. Die Unterschiede zum System in Deutschland könnten kaum größer sein und mangelndes Wissen führt dann selbst bei der Kontoeröffnung zu einem ungewollten Riestervertrag. Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen ist dabei nicht immer zielführend, da ebenfalls ein Teil der Ratsuchenden Analphabeten sind.

 

Im Podium wurde dann nochmal die Frage diskutiert, wer nun eigentlich finanzielle Bildung anbieten sollte. Schnell war klar, dass es möglichst unabhängig und ohne finanzielle Eigeninteressen der Vermittelnden geschehen soll. Bei der Vielzahl an aktiven Akteurinnen und Akteuren in diesem Bereich ist aber nicht immer klar, wer tatsächlich „unabhängig“ agiert.

 

Weitere Informationen zum Fachtag finden Sie hier.