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Bericht zum Forum Schuldnerberatung 2018 in Hannover

Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV) bot der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge vom 22. – 23. November die Möglichkeit sich zu aktuellen Themen und Herausforderungen der Schuldnerberatung auszutauschen.

 

Referat: Prof. Dr. Harald Ansen – professionelle Schuldnerberatung

 

Hierzu referierte zunächst Prof. Dr. Harald Ansen von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg und leitete seine Ausführungen mit einer Würdigung der guten Arbeit der Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungsstellen in Deutschland ein.

 

Doch auch wenn die Beraterinnen und Berater bereits eine Vielzahl Überschuldeter vor weiteren negativen sozialen, gesundheitlichen und materiellen Problemen bewahren, fordert die Vielfalt der Ratsuchenden ein Höchstmaß an Professionalität, welche auch immer wieder hergestellt werden muss. In Form einer strukturierten Offenheit gilt es die Lebenswelt der Klientel, ihre Sichtweisen und situativen Bedürfnisse so zu berücksichtigen, dass neben der Teilhabe auch Teilgabe (die Fähigkeit einen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander leisten zu können) und eine lebenspraktische Autonomie erreicht und erhalten werden. Das verlangt den Beraterinnen und Beratern ein Maximum an Flexibilität sowie fundiertes Methodenwissen ab.

 

Professionelle Beratung geht dabei auch über die reine Wissensvermittlung und stellvertretende Unterstützung hinaus und beinhaltet neben dem Kompetenzaufbau und dem Perspektivwechsel auch die Berücksichtigung der Alltäglichkeit der Ratsuchenden.  

 

In seinem Ausblick beschreibt Prof. Ansen, dass Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung noch erfolgreicher sein kann, wenn die Forschung in diesem Bereich ausgebaut, den speziellen Anforderungen des Arbeitsfeldes entsprechende Masterstudiengänge geschaffen und Beschränkungen durch strukturelle Vorgaben aufgeweicht würden. Veränderungen ließen sich vor allem durch Modellprojekte erreichen, die valide Daten liefern und strukturelle Veränderungen begründen lassen.

 

Interessierte erhalten hierzu detaillierte Informationen in dem kürzlich erschienenen Fachbuch von Prof. Ansen: Soziale Schuldnerberatung: Prävention und Intervention (Okt. 2018).

 

Referat: Delegation der Insolvenzberatung auf die Landkreise

 

In einem zweiten Referat zeigten Vertreter des Freistaats Bayern den langen und schwierigen Prozess der Delegation der Insolvenzberatung auf die Landkreise, sodass dort ab 2019 die Schuldner- und die Insolvenzberatung von den Kommunen gefördert wird. Das Land hat die hierzu benötigten Mittel mehr als verdoppelt und stellt nun jährlich 8 Millionen Euro als Grundförderung für die Insolvenzberatung bereit. Hierdurch soll eine flächendeckende Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung sichergestellt als auch die für den Erfolg unverzichtbare Verknüpfung der bisher getrennt finanzierten Beratungsangebote hergestellt werden. Dabei beruft man sich auch auf die Ergebnisse einer Studie der Universität Wien (2013), wonach ein gesamtwirtschaftlicher Gewinn erreicht werden kann, der die eingesetzten Mittel um den Faktor 5 übersteigt. Überschuldeten professionelle Hilfe zukommen zu lassen bedeutet den Erhalt von Erwerbstätigkeit, Gesundheit und Kaufkraft, auch mit positiven Effekten für Angehörige, insbesondere die im Haushalt lebenden Kinder. Ein Ausbau der Förderung für die Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung ist also eine sinnvolle Investition.

 

Foto Michael Weinhold als Vertreter der AG SBV

Referat: Soziale Schuldnerberatung und Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung

 

Zum Ende des ersten Tages sprach Michael Weinhold als Vertreter der AG SBV über die Geschichte der Schuldnerberatung, zukünftige Herausforderungen wie Digitalisierung und deren Folgen im Bereich des Finanzsystems sowie über das am 3. April dieses Jahres verabschiedete Konzept zur Sozialen Schuldnerberatung und den Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung.

 

Am zweiten Tag bestand für die Teilnehmer*innen die Möglichkeit einen der drei angebotenen Workshops zu besuchen und sich über Budgetberatung, Sozialraumorientierung sowie den Umgang mit Mehrfachproblemlagen in der Beratung zu informieren und auszutauschen.

 

Workshop 1

 

Budgetberatung ist ein wertvolles Mittel, welches im Prozess der Entschuldung hilft den Haushalt zu stabilisieren. Es geht nicht ausschließlich darum, ob bestimmte Ausgaben getätigt werden können, sondern wie das Ausgabeverhalten der Ratsuchenden gestaltet werden kann, um möglichst Bedarfsdeckung und Zufriedenheit zu erreichen. Bestenfalls sollte für absehbare Lebensereignisse aber auch für Unvorhergesehenes Liquidität erreicht werden. Problematisch wird es dann, wenn die Einnahmen so niedrig sind, dass Ansparungen sehr schwierig zu gewährleisten sind. Ein Mittel um mit Ratsuchenden dazu zu arbeiten ist es, Referenzdaten als Vergleichs- und Orientierungsgröße zu nutzen, die es seit 2013 durch die Deutsche Gesellschaft für Hauswirtschaft e.V. auf der Basis der Einkommens- und Verbraucherstichprobe von 2008 gibt. Diese Daten können bei Ausgabeveränderungen herangezogen werden, bspw. wenn es um Familienplanung, Ruhestandsplanung oder um Trennungssituationen geht. Zudem helfen Referenzdaten dabei, Abweichungen in bestimmten Budgets zu ergründen und damit eine Veränderung des Ausgabeverhaltens anzustreben.

 

Workshop 2

 

Sozialraumorientierung als Weiterentwicklung der Gemeinwesenarbeit knüpft an die Lebensweltorientierung an und betrachtet Problemlagen nicht isoliert. Lösungsansätze werden im Umfeld der Ratsuchenden gesucht, vorhandene Ressourcen aktiviert und genutzt. Auch mit anderen Einrichtungen und Personen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung werden Lösungen gemeinsam erarbeitet. Die größte Herausforderung dabei ist die Koordination. Hierfür braucht es eine Person bzw. Institution, die die Hilfen und Prozesse steuert, Wissen und Ressourcen bündelt. Als Beispiel wurde die Ergänzung von Leistungsbescheiden um Angaben zu weiteren Transferleistungen und Hilfsangeboten bei Beratungsbedarf genannt.

 

Workshop 3

 

Unter einem systemischen Blick wurden im letzten Workshop die multiplen Problemlagen der Ratsuchenden betrachtet. Nicht selten kommen im Beratungsprozess stetig neue Problemlagen wie Sucht, Krankheit, Stress, Ängste oder Krisen zur Überschuldungssituation hinzu und wirken sich negativ auf Regulierungspläne aus. Nicht immer nehmen die Ratsuchenden diese Umstände als zu bearbeitende Problemlagen war, was im Kontrast zur Sichtweise der Berater*innen stehen kann. Um Beratungsabbrüche zu vermeiden gilt es hier den Auftrag in gemeinsamer Abstimmung mit der Klient*in zu formulieren.

 

Nächstes Forum Schuldnerberatung

 

Auch im kommenden Jahr wird wieder ein Forum Schuldnerberatung stattfinden. Dieses Mal vom 14. – 15. November in Berlin.

Kontakt

LIGA der Freien Wohlfahrtspflege in Thüringen e.V.
 
Fachberatungsstelle
Arnstädter Straße 50
99096 Erfurt
Thüringen
 
Tel:       (0361) 74438-120 bis 122
Fax:      (0361) 74438-123
 
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